
Linus Baker ist ein vorbildlicher Beamter. Seit Jahrzehnten arbeitet er in der Sonderabteilung des Jugendamtes, die für das Wohlergehen magisch begabter Kinder und Jugendlicher zuständig ist. Nie war er auch nur einen Tag krank, und das Regelwerk der Behörde ist seine Gute-Nacht-Lektüre.
Linus‘ eintöniges Dasein ändert sich schlagartig, als er auf eine geheime Mission geschickt wird. Er soll das Waisenhaus eines gewissen Mr. Parnassus‘, das sich auf einer abgelegenen Insel befindet, genauer unter die Lupe nehmen. Kaum dort angekommen, stellt Linus fest, dass Mr. Parnassus‘ Schützlinge eher etwas speziell sind – einer von ihnen ist möglicherweise sogar der Sohn des Teufels!
In diesem Heim kommt Linus mit seinem Regelwerk und seiner Vorliebe für Vorschriften nicht weit, das merkt er schnell. Eher widerwillig lässt er sich auf dieses magische Abenteuer ein, das ihn auf der Insel erwartet, und erfährt dabei die grösste Überraschung seines Lebens …
Rezension
Mr. Parnassus‘ Heim für magisch Begabte von T.J. Klune ist ein bezaubernder und herzerwärmender Roman, der sich mühelos zwischen Magie, Freundschaft und dem Finden der eigenen Identität bewegt. Der Autor, bekannt durch seine einfühlsame Erzählweise und seine Fähigkeit, tiefgründige Themen mit einem Hauch von Magie zu kombinieren, präsentiert hier eine Geschichte, die sowohl leichtfüßig als auch tief emotional ist.
Linus Baker ist ein 40-jähriger, eher introvertierter Beamter des Ministeriums für Magie, der mit seiner Arbeit beauftragt wird, das Heim von Mr. Parnassus zu inspizieren und zu prüfen, ob es eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Das Buch folgt Linus’ Reise, in der er nicht nur die außergewöhnlichen Bewohner des Heims besser kennenlernt, sondern auch mehr über sich selbst und seine eigenen Ängste und Wünsche entdeckt. Die Geschichte dreht sich um seine Entwicklung als Person, seine Veränderung durch die Erfahrungen im Heim und seine wachsende Bindung zu den (magischen) Charakteren, die dort leben.
T.J. Klune schafft es, eine Geschichte zu erzählen, die sowohl leichte Unterhaltung bietet als auch tiefgründige, universelle Themen anspricht. Das Buch ist sowohl für Fantasy-Fans als auch für Leser, die eine herzerwärmende Geschichte suchen, absolut empfehlenswert. Wer eine Geschichte sucht, die sowohl magisch als auch zutiefst menschlich ist, wird mit diesem Werk definitiv auf seine Kosten kommen.
Achtung: Ab hier Spoiler und persönliche Meinung!
Klune überzeugt mit seinem warmen, zugänglichen Schreibstil, der emotional packend ist, ohne jemals zu überladen zu wirken. Die Dialoge sind humor- und liebevoll, und die Schilderungen der magischen Ereignisse sind voller Fantasie, ohne dabei unrealistisch oder übertrieben zu wirken. Es ist eine Geschichte über Zugehörigkeit, Akzeptanz und das Finden eines Zuhauses und kann dabei tröstend als auch inspirierend gelesen werden.
Warum dann nur 3.5 Sterne?
Einerseits erhalten die Kinder im Heim keine allzugrosse Tiefe der Charaktere und bleiben, obwohl die Grundidee gut ist, eher eindimensional.
Ausserdem gibt es in meinen Augen offensichtliche moralische Botschaften, ohne das doch sehr spezielle Setting kritisch einzubetten oder zu hinterfragen. Zum einen sei hier der Umang mit Individualität und Homosexualität genannt – beides ist bedingungslos zu akzeptieren. Da stimme ich zu, damit habe ich auch kein Problem. (Andere vielleicht schon – das Buch kann schon auch mit hoch erhobenen Zeigefinger gelesen werden…)
Zum anderen jedoch: Der Kontext „Heimunterbringung“ wird in meinen Augen überhaupt nicht differenziert beleuchtet.
Ich habe unweigerlich folgende Parallele gezogen: Die magisch begabten Kinder, die als „anders“ oder gefährlich wahrgenommen werden, und die „richtigen“ Kinder und Jungendlichen in unserer Welt, die aufgrund von Missbrauch, Vernachlässigung oder anderen traumatischen Erfahrungen fremdbetreut aufwachsen. Sowohl das eine als auch das andere ist so traurig, dass man es nicht miteinander vergleichen sollte – und hier stellt sich Klune die Frage: wie gehen wir mit Kindern am Rand der Gesellschaft um? Isolieren Heime oder schützen sie ihre Bewohner:innen vor der Aussenwelt? Klunes Auflösung, dass die Kinder langsam von den Dorfbewohnern akzeptiert werden, geht in meinen Augen eher in Richtung Märchen…
Dann weiter: ein Heim als sicheren Ort ohne Kontext zu beschreiben, finde ich in unserer heutigen Gesellschaft mehr als mutig. Ein Heim als „safe space“, in dem sich Kinder selbst finden und entwickeln können? Wohl nur, wer ganz viel Glück hat. Solch eine Geschichte zu erzählen, kann für den ein oder anderen selbst Betroffenen wohl mehr als befremdlich wirken und malt die Realität in einer rosaroten Brille.
In der realen Welt gibt es immer noch viele Defizite in der Betreuung und im Schutz von Kindern, die aus verschiedenen Gründen in Institutionen untergebracht werden müssen – von unzureichender Betreuung und Ressourcen bis hin zu Problemen im Erziehungssystem, das nicht immer die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes berücksichtigt. Auch hier finde ich Klunes Kunstgriff, eine starke Figur mit „genug Liebe für alle“ auszustatten, realitätsfremd. Das Burnout von Sozialarbeitenden lässt grüssen. Die unweigerlichen Parallelen zur aktuellen Diskussionen über die Versorgung und Unterstützung von Kindern in schwierigen Lebensumständen werden mit seiner Geschichte so romantisiert und nicht ernst genommen, dass sie Betroffene wohl etwas vor den Kopf gestossen zurücklassen werden.
Mein Fazit: Wer ein schön geschriebenes Buch sucht, dass sich leichtfüssig lesen lässt und doch immer wieder leichte gesellschaftskritische Denkanstösse (oder besser: Stupser) bietet, wird hier bestens bedient. Literarisch top. Wer hingegen kritisch hinterfragt und dem Motto „Märchen werden wahr“ ablehnend gegenübersteht, der sollte lieber die Finger davon lassen.
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